FW Delta Research FW Delta Research Monthly
EU Cloud Switching & Exit Readiness Report 2026
Recht, Transferkosten, technische Portabilität und Recovery in einem gemeinsamen Exit-Modell
- Ausgabe
- Mai 2026
- Veröffentlicht
- Datenstand
- Version
- 1.0
Mai 2026 bezeichnet den redaktionellen Serienplatz dieser Monatsausgabe. Es ist kein historisches Erstveröffentlichungsdatum.
Empfohlene Zitierweise
Weiss, Fabian (2026): „EU Cloud Switching & Exit Readiness Report 2026“. FW Delta Research, Report FDR-2026-05, Version 1.0, Datenstand Juli 2026. https://fwdelta.com/de/research/eu-cloud-switching-exit-readiness-report-2026
BibTeX-Eintrag anzeigen
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Methodik
kombinierte Rechts-, Dokumentations-, Preis- und Recovery-Analyse
Stichprobe
5 Provider-Scores; 8 Egressmodelle; 10 Shutdown-/Sunset-Fälle; 7 Exit-Schichten
Quellen
39 nummerierte Quellen, am Ende des Reports belegt.
Begleitdaten
Tragende Aussagen sind im Text nach Aussageklasse gekennzeichnet, etwa
[OBSERVED] oder
[CALCULATED].
Die Definitionen stehen im Methodikteil des Reports.
Executive Summary
Der EU Data Act verändert Cloud Switching von einer überwiegend vertraglichen Frage zu einem regulierten Betriebsprozess. Seit dem 12. September 2025 ist die Verordnung anwendbar. Für Anbieter von Datenverarbeitungsdiensten enthält sie Vorgaben zum Abbau von Wechselhindernissen, zur vertraglichen Transparenz und zur Unterstützung des Wechsels. Ab dem 12. Januar 2027 sollen Switching Charges einschließlich der für einen erfassten Wechsel anfallenden Data-Egress-Gebühren vollständig entfallen.
Das beseitigt nicht automatisch den Cloud-Lock-in. Datenübertragung ist nur eine Schicht. Ein realer Exit umfasst Daten und Metadaten, Schemas, Identitäten, Schlüssel, Netzwerke, Serviceabhängigkeiten, Deploymentartefakte, Observability, Betriebswissen, Verträge und einen kontrollierten Abschaltpfad. Selbst ein Anbieter mit kostenlosem Egress kann hohe Wechselkosten erzeugen, wenn proprietäre Managed Services, fehlende Exportpfade oder ungetestete Restore-Prozesse dominieren.
Dieser Report konsolidiert drei Untersuchungen:
- einen Documentation Readiness Score für fünf große Cloudanbieter;
- ein reproduzierbares Routine-Egress-Modell für 1, 10 und 100 TB sowie eine Matrix öffentlicher Exit-Programme;
- zehn dokumentierte Produktabschaltungen und Service-Enden als Recovery-Fallstudien.
Die Ergebnisse sind bewusst keine Konformitätsbescheinigung. Sie zeigen, welche Informationen öffentlich auffindbar sind, welche Kostenklassen sich berechnen lassen und welche operativen Kontrollen ein Kunde selbst besitzen muss.
Zitierfähige Kernergebnisse
[OBSERVED]Der EU Data Act ist seit 12. September 2025 anwendbar; seine Cloud-Switching-Regeln adressieren technische, vertragliche, kommerzielle und organisatorische Hindernisse.[OBSERVED]Ab 12. Januar 2027 sollen Switching Charges einschließlich entsprechender Data-Egress-Gebühren vollständig entfallen. Diese Regel ist nicht mit generell kostenlosem laufendem Internet-Egress gleichzusetzen.[CALCULATED]Im offengelegten Dokumentationsscore erreicht Google Cloud 95/100, Oracle Cloud Infrastructure 88/100, Azure 84/100, AWS 82/100 und IBM Cloud 65/100. Gemessen wird öffentliche Dokumentationsreife, nicht tatsächliche Rechtskonformität.[CALCULATED]In den Routine-Egress-Szenarien reichen die modellierten Transferkosten je nach Anbieter, Tariflogik und Volumen von null beziehungsweise gebündelten Beträgen bis zu mehreren Tausend Euro pro Monat. Requests, Retrieval, Storage, Support und Engineering sind separat zu berücksichtigen.[OBSERVED]Mehrere Hyperscaler dokumentieren Programme oder Gutschriften für einen vollständigen geplanten Exit. Bedingungen, Fristen, Scope und Kontoschließung unterscheiden sich.[INTERPRETATION]Ein gesetzliches Wechselrecht ist nur dann operativ nutzbar, wenn Export, Rehydration, Reconciliation, Security und Cutover vorher getestet wurden.[INTERPRETATION]Eine lange Abschaltungsfrist beweist keine Recovery-Fähigkeit. Ohne vollständigen Export- und Importpfad verlängert sie lediglich die Zeit, in der das Risiko sichtbar ist.[RECOMMENDATION]Jeder kritische Cloudservice braucht ein versioniertes Exit Record, ein getestetes Exportartefakt, Zielarchitektur, Kostenbudget, RACI und einen letzten erfolgreichen Drill.
1. Forschungsfrage und Scope
Wie weit reduzieren Recht, öffentliche Anbieterdokumentation und Preisprogramme die Wechselbarriere – und welche Exit-Kosten sowie Recovery-Aufgaben verbleiben beim Kunden?
Untersucht werden vier Ebenen:
| Ebene | Untersuchungsgegenstand | nicht behauptet |
|---|---|---|
| Recht | Data-Act-nahe Anforderungen und Zeitpunkte | individuelle Rechtsberatung oder Konformitätsprüfung |
| Dokumentation | öffentlich auffindbare Switching-, Export- und Supportpfade | tatsächliche Qualität eines konkreten Enterprise-Projekts |
| Kosten | öffentliche Routine-Egress-Preise und dokumentierte Exit-Programme | vollständiger TCO eines konkreten Accounts |
| Recovery | öffentliche Shutdown-/Sunset-Fälle und daraus ableitbare Kontrollen | repräsentative Ausfallwahrscheinlichkeit aller Anbieter |
1.1 Analyseobjekte
- fünf große Cloudanbieter im Documentation Readiness Score;
- acht Object-Storage- beziehungsweise Cloud-Egress-Modelle;
- öffentlich dokumentierte Vollausstiegs- oder Egress-Regeln;
- zehn Shutdown-/Sunset-Ereignisse zwischen 2015 und 2026;
- sieben technische und organisatorische Exit-Schichten.
1.2 Aussageklassen
[OBSERVED]: direkt aus einer öffentlichen Quelle dokumentiert;[CALCULATED]: aus offengelegten Regeln und Daten berechnet;[SCENARIO]: modellierte Annahme, nicht beobachteter Kundenfall;[INTERPRETATION]: analytische Schlussfolgerung;[RECOMMENDATION]: operative Handlungsempfehlung.
2. Das gemeinsame Exit-Modell
Ein Cloud-Exit ist kein einzelner Datenexport. FW Delta Research verwendet sieben voneinander trennbare Schichten.
| Schicht | zu übertragender Zustand | typische versteckte Abhängigkeit | Nachweis eines belastbaren Exits |
|---|---|---|---|
| 1. Vertrag | Kündigung, Fristen, Gebühren, Support | automatische Verlängerung, Mindestabnahme | geprüfter Exit-Kalender und Kostenfreigabe |
| 2. Daten | Nutzdaten, Dateien, Metadaten, Historie | unvollständige Exporte, Retrieval Fees | vollständiger Export plus Checksums |
| 3. Schema und Logik | Datenmodelle, Regeln, Jobs, Policies | proprietäre Workflows und Functions | maschinenlesbare Definitionen und Mapping |
| 4. Identität und Secrets | Rollen, Gruppen, Schlüssel, Zertifikate | Provider-IAM, nicht exportierbare Secrets | neues IAM-Modell und Rotation |
| 5. Netzwerk | DNS, IPs, Peering, Firewalls, Egress | private Endpunkte, feste Allow-Lists | reproduzierbare Netzwerkkonfiguration |
| 6. Betrieb | Logs, Alerts, SLOs, Runbooks, Backups | providergebundene Observability | Zielmonitoring und getesteter Restore |
| 7. Abschaltung | Reconciliation, Read-only, Löschung | unbekannte Restdaten und offene Jobs | signiertes Cutover- und Deletion Record |
2.1 Der Portability Gap
Portability Gap =
benötigter betrieblicher Zustand
- tatsächlich exportierbarer und wiederherstellbarer Zustand
Je größer diese Lücke, desto weniger relevant ist die reine Egress-Rate. Ein kostenloser Datenstrom hilft wenig, wenn Berechtigungen, Scheduler, Functions, Event-Routen oder Managed-Service-Semantik manuell rekonstruiert werden müssen.
2.2 Vier Kostenklassen
Total exit cost =
Transferkosten
+ Transformationskosten
+ Parallelbetrieb
+ Risikokosten
Transferkosten umfassen Egress, Requests, Retrieval, Medien und Netzwerk. Transformation umfasst Exportskripte, Schema-Mapping, Replatforming und Tests. Parallelbetrieb entsteht durch doppelte Infrastruktur, Datenreplikation und verlängerte Supportverträge. Risikokosten umfassen Downtime, Datenverlust, Fehlkonfiguration, Security-Gaps und entgangenen Umsatz.
3. Teil I - Rechtlicher Rahmen und öffentliche Provider-Readiness
2. Rechtlicher Rahmen
2.1 Anwendungsdatum
[OBSERVED] Die Verordnung (EU) 2023/2854 wurde Ende 2023 veröffentlicht und gilt seit 12. September 2025.
2.2 Wechsel zwischen Datenverarbeitungsdiensten
Kapitel VI zielt auf Hindernisse bei:
- Wechsel zu einem anderen Anbieter,
- Übertragung auf On-Premises-Infrastruktur,
- paralleler Nutzung mehrerer Anbieter,
- Portierung exportierbarer Daten und digitaler Assets.
2.3 Fristen
Der Data Act sieht grundsätzlich einen maximalen Übergangszeitraum von 30 Kalendertagen nach der einschlägigen Notice-/Initiierungsphase vor. Wenn dies technisch nicht machbar ist, kann unter den gesetzlichen Voraussetzungen eine begründete alternative Übergangsfrist von höchstens sieben Monaten relevant werden. Der Vertrag muss außerdem eine Mindestperiode für Datenabruf nach dem Übergang adressieren.
Die genaue Anwendung hängt vom Vertrag, Service und Sachverhalt ab.
2.4 Switching Charges
Die Europäische Kommission erläutert:
- bis 12. Januar 2027 besteht ein Übergangsregime,
- ab 12. Januar 2027 sollen Switching Charges einschließlich Data Egress, soweit sie dem Wechsel dienen, vollständig entfallen.
Drei Abgrenzungen sind entscheidend:
- Routine-Egress: laufender Datenverkehr im Normalbetrieb
- Switching-Egress: Datenübertragung im Rahmen eines qualifizierten Wechsels
- Early Termination/Commitment: verbleibende Vertrags- oder Mindestabnahmeverpflichtungen
Ein Anbieter kann Switching-Egress erlassen und trotzdem Routine-Egress berechnen. Ein Gebührenverzicht beendet zudem nicht automatisch Mindestlaufzeiten oder andere vertragliche Verpflichtungen.
3. Methodik
3.1 Stichprobe
- Amazon Web Services
- Microsoft Azure
- Google Cloud
- Oracle Cloud Infrastructure
- IBM Cloud
OVHcloud und Hetzner wurden in der Recherche berücksichtigt, aber nicht gerankt. Bis zum Datenstichtag wurde keine hinreichend dedizierte, öffentlich auffindbare Data-Act-Mapping-Seite mit vergleichbarer Detailtiefe identifiziert. NR bedeutet hier nicht gerankt, nicht „nicht konform“.
3.2 Kriterien
| Code | Kriterium | Gewicht |
|---|---|---|
| L | dedizierte rechtliche Zuordnung oder Addendum | 15 |
| P | öffentlicher Switching-Prozess | 15 |
| E | servicebezogene Exportdokumentation | 15 |
| F | Formate, APIs und Schnittstellen | 15 |
| T | Fristen, Transition und Continuity | 10 |
| C | Behandlung von Switching-/Egress-Kosten | 15 |
| D | Retrieval, Löschung und Abschluss | 10 |
| S | Support- und Eskalationspfad | 5 |
Readiness Score = L + P + E + F + T + C + D + S
3.3 Bewertungsgegenstand
Der Score misst die Qualität der öffentlichen Nachvollziehbarkeit. Er misst keine interne operative Leistungsfähigkeit. Ein Anbieter kann einen hohen Score haben und eine komplexe Migration erfordern.
4. Gesamtergebnis
| Rang | Anbieter | Dokumentationsreife / 100 |
|---|---|---|
| 1 | Google Cloud | 95 |
| 2 | Oracle Cloud Infrastructure | 88 |
| 3 | Microsoft Azure | 84 |
| 4 | AWS | 82 |
| 5 | IBM Cloud | 65 |
Vollständige Matrix
| Anbieter | L /15 | P /15 | E /15 | F /15 | T /10 | C /15 | D /10 | S /5 | Gesamt |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Google Cloud | 15 | 15 | 15 | 15 | 10 | 15 | 5 | 5 | 95 |
| Oracle Cloud Infrastructure | 15 | 15 | 15 | 13 | 10 | 10 | 5 | 5 | 88 |
| Microsoft Azure | 15 | 12 | 15 | 12 | 10 | 10 | 5 | 5 | 84 |
| AWS | 15 | 10 | 15 | 12 | 10 | 10 | 5 | 5 | 82 |
| IBM Cloud | 10 | 8 | 10 | 10 | 5 | 10 | 7 | 5 | 65 |
Maschinenlesbare Fassung:
data/FDR-2026-05_cloud_switching_readiness.csv
5. Anbieteranalysen
5.1 Google Cloud – 95 Punkte
Google veröffentlicht eine ausführliche Zuordnung von Artikeln des Data Act zu Vertragsklauseln und Prozesskomponenten. Die Mapping-Seite behandelt unter anderem:
- 30-tägige Migration Period,
- Initiation Period,
- alternative Frist bei technischer Unmöglichkeit,
- exportierbare Daten und digitale Assets,
- ausgenommene interne Daten,
- Data Recovery Period,
- Löschung,
- Business Continuity,
- Sicherheitsanforderungen.
Zusätzlich bestehen allgemeine Data-Portability-Dokumentation und ein Programm zur Eliminierung bestimmter Data-Transfer-Gebühren beim vollständigen Wechsel.
[INTERPRETATION] Google erreicht den höchsten Wert nicht wegen einer behaupteten „einfachen Migration“, sondern weil die öffentliche Dokumentation Vertrag, Frist und Prozess granular verknüpft.
5.2 Oracle Cloud Infrastructure – 88 Punkte
Oracle stellt eine dedizierte EU-Data-Act-Seite und servicebezogene Hinweise zu Switching-Methoden bereit. Ein Addendum behandelt vertragliche Aspekte.
Stärken:
- dedizierte Rechts-/Vertragsdokumentation,
- konkrete servicebezogene Export- und Migrationspfade,
- Supportbezug.
Grenzen:
- der Gesamtprozess ist über mehrere Dokumente verteilt,
- „keine Switching Charges“ muss von verbleibenden Early-Termination- oder Commitment-Effekten getrennt werden,
- Retrieval-/Löschlogik ist öffentlich weniger kompakt als im Google-Mapping.
5.3 Microsoft Azure – 84 Punkte
Microsoft dokumentiert Data Export und Cloud Choice über APIs, PowerShell, Portale und maschinenlesbare Formate. Die öffentliche Bandbreitenseite beschreibt zudem ein Verfahren für kostenloses Egress bei einem vollständigen Ausstieg aus Azure.
Stärken:
- breite Exportdokumentation,
- kostenloser Exit-Egress mit Antragsprozess,
- klare administrative Tools,
- umfangreiche servicebezogene Dokumentation.
Grenzen:
- manche Konfigurationen und proprietäre Daten sind nicht identisch exportierbar,
- Data-Act-spezifische End-to-End-Dokumentation ist weniger zentralisiert,
- ein Credit-/Supportprozess ist nicht dasselbe wie automatisch gebührenfreier Routine-Egress.
5.4 AWS – 82 Punkte
AWS kündigte 2024 ein weltweites Programm an, bei dem Kunden für einen vollständigen Wechsel zusätzlichen Data Transfer Out über Support gutschreiben lassen können. Spätere Aktualisierungen verweisen für EU-Kunden auf ein Data-Act-Addendum und definierte Prozesskriterien.
Stärken:
- dokumentierter Supportpfad,
- etablierte Service-Exporttools,
- kostenlose Exit-DTO-Credits unter Bedingungen,
- umfangreiche technische Migrationsdokumentation.
Grenzen:
- der Kunde muss den Exit als solchen anmelden,
- Freigabe und Zeitfenster sind prozessgebunden,
- AWS-Servicevielfalt macht „funktionale Äquivalenz“ zu einer workload-spezifischen Frage,
- Routine-Egress und qualifizierter Exit müssen getrennt werden.
5.5 IBM Cloud – 65 Punkte
IBM weist in den Cloud Terms darauf hin, dass EU-Kunden bei einer Migration aus IBM Cloud Anspruch auf reduzierte Data-Egress-Charges nach den Data-Act-Bedingungen haben können und Support beziehungsweise den Ansprechpartner kontaktieren sollen.
Stärken:
- Data Act öffentlich erwähnt,
- Support-/Case-Pfad,
- Vertragsbezug.
Grenzen:
- weniger öffentliche End-to-End-Prozessdetails,
- weniger granularer Service- und Fristen-Mapping-Ansatz,
- Gebührenbehandlung und Exportkategorien benötigen eher individuellen Support.
[INTERPRETATION] Der niedrigere Score ist eine Aussage über öffentliche Dokumentationsdichte, nicht über die tatsächliche Rechtsposition des Kunden.
6. Was ein Cloud-Exit tatsächlich umfasst
6.1 Daten
- Objekt- und Dateispeicher
- Datenbanken
- Snapshots
- Logs
- Backups
- Secrets
- Metadaten
- IAM-Konfiguration
- Images und Artefakte
6.2 Compute
- VM-Images
- Container
- Serverless-Funktionen
- Autoscaling
- Scheduling
- Accelerator-/GPU-Abhängigkeiten
6.3 Netzwerk
- IP-Adressen
- DNS
- Load Balancer
- Firewalls
- Private Links
- Peering
- Routing
- Zertifikate
6.4 Managed Services
Hier entsteht der größte semantische Wiederaufbau:
- proprietäre Datenbanken
- Queues
- Event Bus
- AI/ML-Dienste
- Observability
- Identity
- Data Warehouses
- Serverless-Plattformen
[INTERPRETATION] Der Data Act kann vertragliche und technische Hindernisse reduzieren. Er macht aus einem proprietären Managed Service aber nicht automatisch eine identische portable Runtime.
7. Switching Readiness auf Kundenseite
7.1 Exportable Asset Register
Für jeden Service:
| Feld | Beispiel |
|---|---|
| Service | Managed PostgreSQL |
| Daten | Tabellen, WAL, Nutzer, Extensions |
| Exportformat | SQL dump, logical replication |
| Volumen | 4,2 TB |
| Abhängigkeiten | IAM, KMS, DNS, Monitoring |
| RTO/RPO | 2 h / 5 min |
| Ziel | PostgreSQL auf anderem Provider |
| Validierung | Row counts, checksums, query suite |
| Owner | Data Platform |
| letzter Test | 2026-06-15 |
7.2 Exit Runbook
- Scope einfrieren.
- Zielumgebung bereitstellen.
- Datenklassifikation und Rechtsgrundlage prüfen.
- Voll- und Delta-Transfer planen.
- Secrets und Keys rotieren.
- Performance testen.
- Business Continuity prüfen.
- Cutover.
- Validierung.
- Retrieval-Zeit nutzen.
- Löschung bestätigen.
- Vertrag und Billing schließen.
7.3 Exit Budget
Auch bei null Switching Charges bleiben:
- Engineering
- Zielinfrastruktur
- Parallelbetrieb
- Tests
- Downtime-Risiko
- Datenbereinigung
- Anwendungskonvertierung
- Schulung
- externe Beratung
Gebührenfreiheit beseitigt eine Rechnungskomponente, nicht das Migrationsprojekt.
8. Procurement-Anforderungen ab 2026
[RECOMMENDATION] Neue Cloud-Verträge sollten mindestens adressieren:
- exportierbare Kategorien,
- ausgeschlossene interne Daten,
- Formate und APIs,
- Notice-/Initiierungsprozess,
- maximale Transition,
- technische Unmöglichkeit und Verlängerung,
- Continuity und Security,
- Retrieval-Zeit,
- Löschbestätigung,
- Switching Charges,
- Routine-Egress,
- Commitments und Early Termination,
- Support-SLA,
- Testexport,
- Subprocessor-/Marketplace-Abhängigkeiten.
Vertrags- und Architekturtest
Der beste Zeitpunkt für den ersten Exit-Test ist vor dem Go-live, nicht vor der Kündigung.
9. Warum Egress allein kein Lock-in-Maß ist
Ein Speicheranbieter kann null Egress-Gebühren verlangen und dennoch hohe Wechselkosten erzeugen, wenn:
- APIs proprietär sind,
- Datenmodelle nicht portabel sind,
- Export langsam ist,
- Abhängigkeiten und Identitäten fehlen,
- Managed Services neu implementiert werden müssen.
Umgekehrt kann ein Anbieter Egress berechnen, aber standardisierte Formate und sehr gute Exportwerkzeuge bieten.
[INTERPRETATION] Lock-in ist multidimensional:
Datenmenge
× Egresspreis
+ semantischer Wiederaufbau
+ Betriebsunterbrechung
+ Vertragsbindung
+ Organisationsaufwand
4. Teil II - Routine-Egress, Exit-Programme und Kostenmodell
2. Begriffe, die nicht vermischt werden dürfen
2.1 Routine-Egress
Wiederkehrende Übertragung aus dem Cloud-Service zu Internet-Zielen, beispielsweise:
- Downloads durch Endkunden,
- Datenausleitung an Partner,
- CDN-Origin-Traffic,
- regelmäßige Replikation in eine andere Umgebung,
- Analytics- oder Backup-Exports,
- API-Antworten mit hohem Datenvolumen.
Dieser Verkehr ist Teil des normalen Betriebs. Ein Anbieter kann ihn nach Volumen abrechnen, in einem Tarif bündeln, an Storage-Nutzung koppeln oder mit null ausweisen.
2.2 Planned Exit
Ein geplanter vollständiger oder weitgehender Anbieterwechsel. Dafür können gesonderte Bedingungen gelten:
- Support-Antrag,
- Exit Notice,
- definierter Migrationszeitraum,
- Credit statt sofortiger Nullpreis,
- Liste erfasster Services,
- Abschluss- oder Kündigungsprozess,
- Ausschluss mehrfacher oder normaler Transfers.
Ein Exit-Programm ist deshalb keine Flat Rate für gewöhnlichen Traffic.
2.3 Switching Charges nach EU Data Act
Der EU Data Act adressiert Hindernisse beim Wechsel zwischen Data Processing Services. Die Europäische Kommission beschreibt, dass Switching Charges einschließlich Gebühren für Data Egress ab 12. Januar 2027 vollständig entfallen sollen. Bis dahin bestand eine Übergangsphase, in der kostenbasierte Gebühren möglich waren.
[CRITICAL] Der konkrete Scope ist rechtlich und vertraglich zu prüfen. Der Report behandelt keine Einzelfallfrage und behauptet nicht, dass ab 12. Januar 2027 sämtlicher Internet-Egress unabhängig vom Anlass, Vertrag, Kundenstandort und Dienst kostenlos ist.
2.4 Data Retrieval
Retrieval ist die technische oder tarifliche Wiederbereitstellung von Daten aus einer Storage-Klasse. Ein Anbieter kann Egress mit null ausweisen und gleichzeitig Retrieval berechnen. Bei Archiv- oder Infrequent-Access-Klassen ist das für Exit-Kosten entscheidend.
3. Methodik
3.1 Stichprobe
Die Stichprobe umfasst acht Anbieter:
- AWS
- Microsoft Azure
- Google Cloud
- Cloudflare R2
- Backblaze B2
- Wasabi
- OVHcloud
- Hetzner Object Storage
Für AWS, Azure und Google Cloud wurde ein numerisches Routine-Egress-Modell erstellt. Die fünf weiteren Anbieter wurden wegen abweichender Bündel-, Nullpreis- oder Fair-Use-Modelle in einer Policy-Matrix analysiert, statt sie durch falsche Gleichsetzung in dieselbe Preisreihe zu zwingen.
3.2 Einheit
Das Nutzungsvolumen wird als dezimales TB definiert:
1 TB = 1.000 GB = 10^12 Byte
Provider-spezifische Abrechnungseinheiten bleiben erhalten:
- Azure veröffentlicht für die betrachtete Tabelle ausdrücklich 1 TB = 1.000 GB.
- AWS-Beispiele verwenden für TB-Grenzen 1 TB = 1.024 GB; die Modellgrenzen wurden entsprechend angesetzt.
- Google Cloud berechnet die betrachtete Cloud-Storage-Übertragung pro GiB und staffelt in TiB. Dezimale TB wurden deshalb in GiB umgerechnet.
Diese Trennung verhindert, dass gleich beschriftete „TB“ stillschweigend als identische Billing-Einheit behandelt werden.
3.3 Szenario
Modelliert wird:
- Quelle in Europa beziehungsweise europäische Referenzregion,
- Übertragung ins öffentliche Internet,
- normales Zielgebiet ohne höhere Sondertarife,
- ein Abrechnungsmonat,
- 1, 10 oder 100 dezimale TB,
- öffentliche Pay-as-you-go-Listenpreise,
- keine Individualrabatte oder Commitments.
3.4 Ausschlüsse
Nicht enthalten sind:
- Storage-Kapazität,
- PUT/GET/List- oder sonstige API-Operationen,
- Retrieval- und Early-Deletion-Gebühren,
- Compute und Datenbankexporte,
- Inter-Region- oder Inter-Zone-Traffic,
- CDN und private Interconnects,
- Premium Routing oder Beschleunigung,
- Support,
- Umsatzsteuer,
- Vertragsstrafen und Restlaufzeiten,
- Engineering und Doppelbetrieb,
- Downtime und Opportunitätskosten.
3.5 Währung
EUR-Kosten = USD-Kosten / 1,1367
Verwendet wurde der EZB-Referenzkurs vom 28. Juli 2026. Die Umrechnung ist eine Vergleichsnormalisierung und kein Rechnungsbetrag.
4. Routine-Egress: öffentliche Listenpreise
| Monatliches Volumen | AWS | Microsoft Azure | Google Cloud |
|---|---|---|---|
| 1 TB | 71,26 € | 68,88 € | 98,32 € |
| 10 TB | 783,85 € | 757,72 € | 983,19 € |
| 100 TB | 6.872,70 € | 6.759,04 € | 9.102,62 € |
Maschinenlesbare Eingaben, Einheiten, USD-Werte, EUR-Werte und Quellen:
data/FDR-2026-05_egress_costs.csv
4.1 AWS
[OBSERVED] AWS weist für Data Transfer Out aus Regionen ins Internet die ersten 100 GB pro Monat als kostenlos aus. Ein offizielles S3-Beispiel nennt für Europe (Ireland) 0,09 US-Dollar pro GB. Öffentliche AWS-DTO-Beispiele dokumentieren danach Staffelwerte von 0,09 US-Dollar für die ersten 10 TB, 0,085 US-Dollar für die nächsten 40 TB und 0,07 US-Dollar für die nächste Stufe.
[CALCULATED] Im normalisierten Modell ergeben sich:
- 1 TB: 71,26 Euro
- 10 TB: 783,85 Euro
- 100 TB: 6.872,70 Euro
Die Rechnung ist ein repräsentatives Listenpreis-Modell für den betrachteten Datenpfad, kein vollständiger AWS-Rechnungsrechner. Service, Region und Transferpfad können abweichen.
4.2 Microsoft Azure
[OBSERVED] Azure veröffentlicht für Internet Egress über das Microsoft Premium Global Network aus Europa und Nordamerika:
- erste 100 GB pro Monat kostenlos,
- nächste 10 TB: 0,087 US-Dollar pro GB,
- nächste 40 TB: 0,083 US-Dollar pro GB,
- nächste 100 TB: 0,07 US-Dollar pro GB,
- nächste 350 TB: 0,05 US-Dollar pro GB.
[CALCULATED] Daraus folgen:
- 1 TB: 68,88 Euro
- 10 TB: 757,72 Euro
- 100 TB: 6.759,04 Euro
4.3 Google Cloud
[OBSERVED] Google Cloud Storage berechnet General Network Usage zu weltweiten Zielen außerhalb Asiens und Australiens mit:
- 0 bis 10 TiB: 0,12 US-Dollar pro GiB,
- 10 bis 150 TiB: 0,11 US-Dollar pro GiB,
- darüber: 0,08 US-Dollar pro GiB.
[CALCULATED] Nach Umrechnung der dezimalen Nutzungsvolumina in GiB:
- 1 TB: 98,32 Euro
- 10 TB: 983,19 Euro
- 100 TB: 9.102,62 Euro
[CRITICAL] Zielregionen wie Australien oder China besitzen andere Preise. Der Vergleich darf nicht auf diese Pfade übertragen werden.
5. Was die Zahlen bedeuten – und was nicht
5.1 Wiederkehrung macht die Position strategisch
[CALCULATED] Bei jeden Monat konstanten 10 TB entstehen in zwölf Monaten:
| Anbieter | Jahreswert nur Routine-Egress |
|---|---|
| AWS | 9.406,18 € |
| Microsoft Azure | 9.092,64 € |
| Google Cloud | 11.798,23 € |
Der Unterschied zwischen Azure und Google Cloud beträgt in diesem eng definierten Modell rund 2.705,59 Euro pro Jahr. Daraus folgt nicht, dass Azure insgesamt günstiger ist. Ein niedrigerer Netzwerkpreis kann durch höhere Kosten an anderer Stelle überkompensiert werden.
5.2 Mengenrabatte lösen die absolute Kostenposition nicht auf
Bei 100 TB sinkt der effektive Eurobetrag pro TB durch Staffeln. Die Gesamtrechnung bleibt dennoch im vierstelligen Monatsbereich. Besonders bei Medien, Telemetrie, Backups, AI-Datensätzen und Cross-Cloud-Architekturen kann Egress daher eine Architekturvariable statt einer Nebenkostenposition werden.
5.3 Ein öffentlicher Preis ist nicht der reale Vertrag
Enterprise-Verträge können enthalten:
- rabattierte Datenübertragung,
- private Commitments,
- Credits,
- Spend-basierte Nachlässe,
- CDN-Bündel,
- individuelle Regionenpreise,
- Mindestabnahmen oder Kündigungsfolgen.
Der Listenpreis ist deshalb eine reproduzierbare Baseline, nicht zwangsläufig der Rechnungsbetrag.
6. Anbieter mit null, bedingt null oder gebündeltem Egress
| Anbieter | öffentliche Routine-Regel | wichtige Gegenposition |
|---|---|---|
| Cloudflare R2 | Egress für Standard und Infrequent Access mit 0 ausgewiesen | Storage und Operationen; IA-Retrieval 0,01 USD/GB; 30 Tage Mindestdauer |
| OVHcloud Object Storage | keine Ingress-/Egress- oder API-Gebühren auf der betrachteten Seite | Retrieval beziehungsweise Restored Data je Storage-Klasse möglich |
| Backblaze B2 | bis zum Dreifachen des durchschnittlichen Monats-Storage kostenlos | darüber 0,01 USD/GB; Freimenge hängt vom Byte-Hour-Storage ab |
| Wasabi Pay as You Go | kein Egresspreis, solange monatlicher Egress höchstens dem Active Storage entspricht | 1-TB-Mindestcommitment und 90 Tage Mindesthaltedauer |
| Hetzner Object Storage | 1 TB Egress und 1 TB Storage im Basistarif enthalten | Überschreitung Pay as you go; aktuellen dynamischen Overage-Wert vor Live-Schaltung prüfen |
Vollständige Policy-Matrix:
data/FDR-2026-05_exit_policy_matrix.csv
6.1 Warum null nicht gleich kostenlos ist
Beispiel Cloudflare R2:
Egress = 0
Gesamtkosten = Storage + Class-A-Operationen + Class-B-Operationen + ggf. Retrieval
Beispiel Wasabi:
kostenfreier Egress gilt nur innerhalb der veröffentlichten Storage-Egress-Relation
+ Mindestcommitment
+ Mindesthaltedauer
Beispiel Backblaze:
kostenfreier Egress = bis 3 × durchschnittlicher Monats-Storage
Overage = 0,01 USD/GB
[INTERPRETATION] Ein fairer Vergleich braucht mindestens zwei Achsen:
- Kosten pro gespeichertem TB-Monat
- Kosten pro übertragenem TB bei realem Read-/Exit-Verhältnis
Ein reiner Egress-Nullwert bevorzugt Anbieter mit höherem Storage- oder Retrievalpreis; ein reiner Storage-Vergleich bevorzugt Anbieter mit teurem Zugriff.
7. Hyperscaler-Exit-Programme
7.1 AWS
[OBSERVED] AWS dokumentiert, dass Kunden bei einem Wechsel zu einem anderen Anbieter oder On-Premises Support kontaktieren können, um Credits für Data Transfer Out zu erhalten. Die Prüfung erfolgt auf Account-Ebene. Laut Aktualisierung haben berechtigte Kunden grundsätzlich 90 Tage für den Wechsel und sollen Support informieren, falls mehr Zeit benötigt wird.
7.2 Microsoft Azure
[OBSERVED] Azure beschreibt kostenfreien Egress für Kunden, die ihre Daten vollständig aus Azure herausnehmen, um zu einem anderen Cloud-Anbieter oder in ein eigenes Rechenzentrum zu wechseln. Für Volumen oberhalb der normalen 100-GB-Freimenge ist ein Credit-Prozess vorgesehen.
7.3 Google Cloud
[OBSERVED] Das Google Cloud Exit Program erfasst Kunden, die alle Workloads und Daten migrieren und anschließend ihr Google-Cloud-Vertragsverhältnis beenden. Der Prozess umfasst eine Exit Notice, einen definierten Startprozess und eine Completion Notice; nicht jeder Service und nicht jeder normale Transfer fällt automatisch darunter.
7.4 Konsequenz für Kostenmodelle
Ein belastbares Modell enthält zwei Zeilen:
Routine-Egress nach normalem Betriebspreis
Planned-Exit-Egress nach beantragter/vertraglich bestätigter Behandlung
Erst nach schriftlicher Bestätigung darf der Exit-Egress im Projektbudget mit null angesetzt werden. Ein öffentliches Programm ersetzt keine Account-Prüfung.
8. EU Data Act: Was sich am 12. Januar 2027 ändert
[OBSERVED] Der Data Act gilt seit 12. September 2025. Die Kommission beschreibt für Cloud Switching:
- Vertrags- und Transparenzanforderungen,
- technische Unterstützung und Beseitigung von Hindernissen,
- offene Schnittstellen beziehungsweise exportierbare Formate für bestimmte Services,
- funktionale Äquivalenz als Ziel bei bestimmten IaaS-Wechseln,
- vollständige Entfernung von Switching Charges einschließlich Data Egress ab 12. Januar 2027.
Keine pauschale Null-Egress-Verordnung
Der zentrale Satz lautet nicht:
Jeder Datentransfer aus der Cloud ist kostenlos.
Sondern sinngemäß:
Gebühren für die zum erfassten Wechsel notwendigen Vorgänge und Data Egress sollen entfallen.
Daraus folgen Prüfungsfragen:
- Ist der Kunde und Vertrag im räumlichen/persönlichen Scope?
- Handelt es sich um einen Wechsel oder normalen Dauerbetrieb?
- Welche Services und Daten sind erfasst?
- Welche Exit-/Notice-Prozesse gelten?
- Welche Leistungen sind zwingend notwendig?
- Welche Drittanbieter- und Marketplace-Kosten bleiben bestehen?
- Welche Restlaufzeiten oder Commitments sind keine Switching Charge?
[RECOMMENDATION] Ab 2027 sollte Procurement nicht einfach die Egress-Zeile streichen, sondern im Vertrag eine separate Switching-Cost-Schedule mit nullfähigen, verbleibenden und ungeklärten Positionen verlangen.
9. Die tatsächliche Gleichung des Cloud-Exit
Total Exit Cost
= Netzwerk- und Switching-Gebühren
+ Retrieval und API-Operationen
+ Transferwerkzeuge und temporäre Infrastruktur
+ Doppelbetrieb
+ Datenmodell- und Formattransformation
+ Re-Platforming von Managed Services
+ IAM-, Secret- und Key-Migration
+ Netzwerk-, DNS- und Zertifikatswechsel
+ Tests, Reconciliation und Audit-Evidence
+ Downtime und Performance-Risiko
+ Restlaufzeiten und Commitments
+ interne und externe Engineering-Zeit
9.1 Semantischer Exit
Daten als Bytes exportieren zu können, bedeutet nicht, ein System portiert zu haben. Beispiele:
- proprietäre Warehouse-Funktionen,
- Cloud-spezifische IAM-Rollen,
- Event-Bus-Semantik,
- Managed-Kubernetes-Erweiterungen,
- Serverless Trigger,
- Monitoring- und Alerting-Historie,
- Schlüsselmaterial und HSM-Integration,
- Datenbankextensions,
- ML-Feature-Stores und Vektorindizes.
9.2 Zeit ist ein Kostenfaktor
Bei großen Datenmengen können Bandbreite, API-Limits und Exportfenster die Migration verlängern. Längerer Doppelbetrieb erzeugt Compute-, Storage-, Lizenz- und Personalkosten – selbst wenn die reine Egress-Gebühr null ist.
9.3 Die billigste Übertragung kann der teuerste Umbau sein
Ein standardisiertes S3-kompatibles Archiv kann trotz Egress-Gebühr einfach migrierbar sein. Ein egress-freier proprietärer Managed Service kann hohe Re-Platforming-Kosten erzeugen. Exit-Risiko muss daher getrennt nach Bytes, Semantik und Betrieb bewertet werden.
10. Exit-Budget für Entscheider
10.1 Pflichtfelder pro Service
| Feld | Frage |
|---|---|
| Datenvolumen | Wie viele TB müssen vollständig, inkrementell und wiederholt übertragen werden? |
| Routine oder Exit | Ist der Transfer normaler Betrieb oder qualifizierter Anbieterwechsel? |
| Storage-Klasse | Fallen Retrieval oder Mindesthaltedauern an? |
| Format | Ist das Exportformat offen, vollständig und dokumentiert? |
| Bandbreite | Welche realistische Netto-Transferrate steht zur Verfügung? |
| Konsistenz | Wie werden Änderungen während der Migration synchronisiert? |
| Abhängigkeiten | Welche IAM-, Netzwerk-, Event-, Key- und Managed-Service-Abhängigkeiten bestehen? |
| Doppelbetrieb | Wie lange müssen Quelle und Ziel parallel laufen? |
| Vertrag | Welche Notice-, Credit-, Commitment- und Löschbedingungen gelten? |
| Evidence | Wie werden Vollständigkeit, Integrität und Löschung nachgewiesen? |
10.2 Drei Budgettöpfe
A. Routine Data Movement
B. Planned Switching Project
C. Emergency Exit / Provider Failure
Der Notfall-Exit braucht eine eigene Annahme. Ein Credit-Prozess, der Supportkontakt und Vorlauf erfordert, ist kein Ersatz für ein Szenario, in dem der Anbieter oder Account kurzfristig nicht verfügbar ist.
10.3 Kontrollkennzahlen
Routine Egress Rate
= monatlicher externer Transfer / durchschnittlich gespeicherte Daten
Exit Throughput
= erfolgreich validierte Datenmenge / Migrationstag
Semantic Portability Coverage
= portierbare kritische Funktionen / kritische Funktionen gesamt
Exit Cost at Risk
= ungeklärte Gebühren + Restlaufzeiten + geschätzter Re-Platforming-Aufwand
11. Architekturmaßnahmen, die Kosten und Risiko gleichzeitig senken
Daten
- offene Formate und dokumentierte Schemas,
- regelmäßige externe Snapshots,
- Checksums und Reconciliation,
- getrennte Hot-, Warm- und Archive-Strategie,
- unabhängige Schlüssel- und Secret-Verwaltung, soweit sinnvoll.
Anwendung
- Cloud-spezifische Adapter an klaren Grenzen,
- Infrastructure as Code,
- reproduzierbare Builds,
- keine Geschäftslogik ausschließlich in proprietären Low-Code-Flows,
- Export-/Importpfade als Produktfunktion.
Betrieb
- Restore- und Exit-Drills,
- gemessene Netto-Bandbreite,
- dokumentierte API-Limits,
- Runbooks und Verantwortlichkeiten,
- Monitoring außerhalb des primären Providers,
- getestet funktionierende DNS- und Zertifikatsumschaltung.
Vertrag
- Exit-Notice- und Credit-Prozess,
- Service-Liste und Gebührenmatrix,
- Retrieval und API-Kosten,
- Lösch- und Übergangsfrist,
- Unterstützung und Datenformate,
- Behandlung von Subprozessoren und Marketplace-Produkten,
- Pflichten nach Data Act ab 2027.
5. Teil III - Shutdown Notice und Recovery-Evidenz
2. Ereignistypen
Geplanter Sunset
Der Anbieter kündigt ein Enddatum mit Vorlauf an und beschreibt Export oder Ersatz.
Produktkonsolidierung
Funktionalität wird in ein anderes Produkt, einen Partner oder eine Plattform verlagert.
Support End-of-Life
Entwicklung oder Support endet, während lokale Artefakte teilweise weiterverwendet werden können.
Read-only Tail
Produktive Nutzung endet, Daten bleiben für einen definierten Zeitraum lesbar oder exportierbar.
Incident-driven Shutdown
Ein Dienst wird aus Sicherheits-, Missbrauchs- oder Betriebsgründen zunächst offline genommen; die formale Einstellung folgt später.
[INTERPRETATION] Diese Typen dürfen nicht in einer einzigen Notice-Kennzahl vermischt werden. Ein negativer Wert bei Firefox Send zeigt ein anderes Risikomuster als 731 Tage Vorlauf bei Adobe Muse.
3. Methodik
3.1 Stichprobe
Die Fälle wurden ausgewählt, weil offizielle Ankündigungen oder Supportunterlagen öffentlich verfügbar waren und unterschiedliche Shutdown-Typen abbilden.
Die Stichprobe ist:
- nicht zufällig,
- nicht repräsentativ,
- über verschiedene Kategorien verteilt,
- auf öffentlich rekonstruierbare Ereignisse begrenzt.
3.2 Kennzahlen
Notice Days
= primäres Service-Enddatum
- öffentliches Ankündigungsdatum
Post-End Export Days
= Read-only-/Export-Enddatum
- primäres Service-Enddatum
Wenn kein belastbares Ankündigungsdatum aus der geprüften Primärquelle hervorging, wird kein Notice-Wert geschätzt.
3.3 Qualitative Felder
Je Ereignis wurden erfasst:
- Exportpfad,
- Migrationspfad,
- benannter Ersatz,
- Refund/Credit,
- Datenlöschungs- oder Retention-Hinweis.
Werte:
1,0 = klar dokumentiert
0,5 = teilweise, eingeschränkt oder vertragsspezifisch
0,0 = nicht hinreichend in der geprüften Primärquelle dokumentiert
4. Ereignismatrix
| Ereignis | Anbieter | Ankündigung | Service-Ende | Notice-Tage | Post-End-Fenster |
|---|---|---|---|---|---|
| Universal Analytics Standard | 16.03.2022 | 01.07.2023 | 472 | 366 | |
| Stadia | 29.09.2022 | 18.01.2023 | 111 | 0 | |
| Google Optimize / Optimize 360 | 20.01.2023 | 30.09.2023 | 253 | 0 | |
| Jamboard app and devices | 28.09.2023 | 01.10.2024 | 369 | 91 | |
| Hipchat Cloud and Stride | Atlassian | 26.07.2018 | 15.02.2019 | 204 | 28 |
| Adobe Muse development/support | Adobe | 26.03.2018 | 26.03.2020 | 731 | 365 |
| Workplace from Meta | Meta | 14.05.2024 | 31.08.2025 | 474 | 273 |
| Firefox Send | Mozilla | 17.09.2020 | 07.07.2020 | -72 | 0 |
| Firefox Notes sync service | Mozilla | 17.09.2020 | 01.11.2020 | 45 | 0 |
| Firebase Dynamic Links | nicht belastbar dokumentiert | 25.08.2025 | n. v. | 0 |
Statistische Einordnung
[CALCULATED]Positive, exakt datierte geplante Notices: n = 8[CALCULATED]Median: 311 Tage[CALCULATED]Minimum: 45 Tage[CALCULATED]Maximum: 731 Tage[CALCULATED]Exakt datierte Ereignisse inklusive Firefox Send: n = 9[CALCULATED]Median inklusive negativer incident-getriebener Timeline: 253 Tage[CALCULATED]Fälle mit positivem Post-End-Fenster: 5 von 10[CALCULATED]Median Post-End über alle Fälle inklusive Null: 14 Tage
[CRITICAL] Diese Kennzahlen dürfen nicht auf den gesamten SaaS-Markt hochgerechnet werden.
5. Fallstudien
Universal Analytics Standard
[OBSERVED] Google kündigte am 16. März 2022 an, dass Standard-Universal-Analytics-Properties ab 1. Juli 2023 keine neuen Daten mehr verarbeiten. Der rekonstruierte Vorlauf beträgt 472 Tage. Der Zugriff beziehungsweise Export historischer Daten blieb bis 1. Juli 2024 vorgesehen.
[INTERPRETATION] Das ist ein Beispiel für einen langen Übergang mit benanntem Nachfolger. Trotzdem war die Migration kein reiner Export: Eventmodell, Attribution, Reporting und Implementierung änderten sich.
Stadia
[OBSERVED] Die Einstellung wurde am 29. September 2022 für den 18. Januar 2023 angekündigt, entsprechend 111 Tagen. Google kündigte Rückerstattungen für relevante Käufe an.
[INTERPRETATION] Refund reduziert finanziellen Verlust, portiert aber keine Nutzerbibliothek oder den Dienstzustand in eine alternative Plattform.
Google Optimize / Optimize 360
[OBSERVED] Der Service endete am 30. September 2023. Die historische Ankündigung wird in der Matrix auf 20. Januar 2023 datiert; dieser Wert muss vor Veröffentlichung anhand eines archivierten Primärbelegs nochmals bestätigt werden.
[CRITICAL] Wenn das ursprüngliche Ankündigungsdatum nicht in der aktuellen Supportseite erhalten ist, muss die Live-Version entweder einen Web-Archive-Beleg angeben oder den Notice-Wert als nicht verifizierbar entfernen.
Jamboard
[OBSERVED] Google kündigte die nächste Phase am 28. September 2023 an. Der App-Betrieb ging am 1. Oktober 2024 in eine Endphase über; ein zusätzliches Read-only-/Exportfenster lief bis 31. Dezember 2024.
[RECOMMENDATION] Whiteboard-Inhalte sollten nicht nur als statische Bilder, sondern mit Ownership, Kontext und Zielzuordnung migriert werden.
Hipchat Cloud und Stride
[OBSERVED] Atlassian kündigte die Partnerschaft mit Slack am 26. Juli 2018 an; die Services endeten am 15. Februar 2019. Export blieb in der Matrix bis 15. März 2019 möglich.
[INTERPRETATION] Ein benannter Partnerpfad kann Migration erleichtern, erzeugt aber eine neue Anbieterabhängigkeit.
Adobe Muse
[OBSERVED] Adobe stellte die Entwicklung am 26. März 2018 ein und unterstützte das Produkt bis 26. März 2020. Für bestimmte gehostete Business-Catalyst-Sites reichte der betrachtete Übergang bis 26. März 2021.
[INTERPRETATION] Lokale Designartefakte und gehostete Runtime besitzen unterschiedliche End-of-Life-Uhren.
Workplace from Meta
[OBSERVED] Meta ergänzte seine Workplace-Kommunikation am 14. Mai 2024. Reguläre Nutzung lief in der Matrix bis 31. August 2025; eine Read-/Download-Phase bis 328. Juli 2026.
[RECOMMENDATION] Bei Collaboration-Systemen müssen Messages, Files, Gruppen, Integrationen, Identität, Compliance-Archive und Kommunikationskultur getrennt migriert werden.
Firefox Send
[OBSERVED] Mozilla nahm Firefox Send bereits im Juli 2020 offline und bestätigte am 17. September 2020 die dauerhafte Einstellung.
[INTERPRETATION] Dies ist das wichtigste Gegenbeispiel zur Annahme eines garantierten Vorlaufs. Sicherheits- oder Missbrauchsereignisse können den normalen Sunset-Prozess überspringen.
Firefox Notes
[OBSERVED] Mozilla kündigte das Ende des Sync-Service am 17. September 2020 für Anfang November an. Der modellierte Vorlauf beträgt 45 Tage.
[LIMITATION] Ein einfacher Notizdienst besitzt eine andere Migrationskomplexität als CRM, Analytics oder Messaging. Die Notice-Zahl allein sagt nichts über Angemessenheit.
Firebase Dynamic Links
[OBSERVED] Google dokumentiert das Ende des Dienstes am 25. August 2025 sowie Export- und Migrationshinweise.
[LIMITATION] Das erste belastbare Ankündigungsdatum war in der geprüften aktuellen Primärseite nicht ausreichend erhalten. Der Report berechnet deshalb keinen Notice-Wert, statt ein Datum aus Sekundärquellen zu schätzen.
6. Was eine lange Notice nicht löst
Discovery
Ankündigungen können in:
- Blogposts,
- Admin-Bannern,
- Supportartikeln,
- Account-E-Mails,
- Changelogs,
- Vertragsmitteilungen
erscheinen. Ohne Owner und Monitoring kann der interne Start Monate später erfolgen.
Inventory
Teams wissen häufig nicht:
- welche Prozesse betroffen sind,
- welche Datenvolumina existieren,
- welche Integrationen laufen,
- welche Benutzer oder Kunden abhängig sind,
- welche Exporte plan- oder genehmigungsabhängig sind.
Replacement Fit
Ein benannter Nachfolger kann:
- anderes Datenmodell,
- andere Preise,
- andere APIs,
- andere Compliance,
- geringere Funktionalität
haben.
Parallelbetrieb
Migration benötigt oft:
- Dual Write,
- Delta Sync,
- Read-only Freeze,
- Identitätsmapping,
- Kundenkommunikation,
- Rollback.
7. Shutdown Readiness Record
service: "..."
business_criticality: "high"
owner: "..."
vendor_status_sources:
- "official-blog"
- "admin-notices"
- "legal-updates"
last_full_export: "YYYY-MM-DD"
export_frequency_days: 30
restore_last_tested: "YYYY-MM-DD"
portable_state:
data: true
files: true
logic: partial
permissions: partial
audit: false
replacement_candidates:
- "..."
maximum_tolerable_notice_days: 30
degraded_mode: "..."
customer_communication_template: "..."
[RECOMMENDATION] Der Record sollte Bestandteil des Servicekatalogs und nicht nur des Procurement-Ordners sein.
8. Recovery-Strategien nach Zustand
Daten
- regelmäßige Exporte,
- offene Formate,
- Hashes und Manifest,
- unabhängige Backups,
- dokumentierte Retention.
Logik
- Workflows als Code oder maschinenlesbares Format,
- Business Rules außerhalb proprietärer UI dokumentieren,
- Tests und Beispieldaten.
Identität
- eigene Domain,
- unabhängiger Identity Provider,
- Gruppen- und Rollenexport,
- Break-Glass-Zugriff.
Integrationen
- API Inventory,
- Webhooks,
- Credentials im eigenen Secret Store,
- Adaptergrenzen,
- Fallback.
Kommunikation
- Stakeholder,
- Kunden,
- regulatorische Stellen,
- Supportskripte,
- Statuspage.
9. Trigger für einen vorgezogenen Exit Drill
- Übernahme oder strategische Partnerschaft,
- Lizenz- oder Preisänderung,
- sinkende Releasefrequenz,
- abnehmender Support,
- neue Exportrestriktionen,
- Produktkonsolidierung,
- Abkündigung angrenzender Features,
- hoher Personalabgang beim Anbieter,
- regulatorische Änderung,
- wiederholte Incidents.
[CRITICAL] Diese Signale beweisen keine bevorstehende Abschaltung. Sie rechtfertigen eine Aktualisierung des Exit-Plans.
10. Verbindung zum EU Data Act
Der EU Data Act stärkt Portabilität und Switching bei erfassten Data Processing Services. Er eliminiert jedoch nicht alle Shutdown-Risiken:
- nicht jedes Produkt fällt gleich in den Scope,
- Anwendungslogik bleibt möglicherweise proprietär,
- Incident-getriebene Abschaltungen können schnell erfolgen,
- Zielsystem und interne Migration bleiben Kundenaufgaben,
- Exportrechte ersetzen keinen getesteten Restore.
[INTERPRETATION] Regulierung kann den Wechselkanal verbessern. Business Continuity muss trotzdem architektonisch vorbereitet sein.
6. Synthese: Was das Recht löst – und was Architektur lösen muss
6.1 Vom Anspruch zur Betriebsfähigkeit
Ein gesetzlicher Anspruch reduziert asymmetrische Vertragsmacht. Er ersetzt jedoch keine Ausführungskompetenz. Der Kunde muss weiterhin wissen:
- welcher Zustand existiert;
- welcher davon geschäftskritisch ist;
- in welchem Format er exportiert werden kann;
- welche Konsistenzgrenzen gelten;
- welche Zielplattform den Zustand akzeptiert;
- wie lange Parallelbetrieb notwendig ist;
- welcher Cutover- und Rollback-Punkt zulässig ist;
- wie Löschung und Vertragsende nachgewiesen werden.
Die entscheidende Metrik ist daher nicht „Kann ich kündigen?“, sondern:
Time to verified independent operation
Sie misst die Zeit vom aktivierten Exit-Plan bis zu einem nachweislich funktionsfähigen Zielsystem, das ohne produktive Abhängigkeit vom bisherigen Anbieter läuft.
6.2 Routine-Egress, Vollausstieg und Data-Act-Switching
Diese drei Fälle dürfen weder redaktionell noch im Rechner vermischt werden.
| Fall | typische Situation | Preislogik | notwendige Prüfung |
|---|---|---|---|
| Routine-Egress | laufende Auslieferung an Nutzer oder Systeme | normale öffentliche Rate/Freimenge | Region, Destination, Tier, Einheit |
| Vollausstiegsprogramm | Kunde verlagert alle Daten/Workloads und schließt Account oder Vertrag | Gutschrift, Waiver oder Antrag | Eligibility, Frist, Scope, Account Closure |
| Data-Act-Switching | gesetzlich erfasster Wechsel eines Datenverarbeitungsdienstes | Übergangs- und spätere Gebührenregeln | Anwendungsbereich, Vertrag, notwendige Leistungen |
Eine Headline wie „Ab 2027 ist Cloud-Egress kostenlos“ wäre falsch. Präzise ist: Für erfasste Switching Charges einschließlich entsprechender Data-Egress-Gebühren sieht der Data Act ab 12. Januar 2027 die vollständige Abschaffung vor. Laufender Datentransfer außerhalb eines Wechselprozesses kann weiter bepreist sein.
6.3 Exit Readiness als kontrolliertes System
Ein belastbares Programm benötigt mindestens folgende Artefakte:
- Service- und Dateninventar;
- Abhängigkeitsgraph;
- Data Classification und Retention Map;
- Export- und Importverfahren;
- Checksums und Reconciliation-Regeln;
- Zielarchitektur und Kapazitätsannahmen;
- IAM- und Secret-Rotationsplan;
- Netzwerk- und DNS-Cutover;
- Observability- und Incident-Plan;
- Vertrags-, Gebühren- und Supportkalender;
- RACI und Eskalationskontakte;
- letzter Drill mit Findings und Remediation.
6.4 Warum Multi-Cloud nicht automatisch Exit Readiness ist
Multi-Cloud kann Abhängigkeiten reduzieren oder verdoppeln. Zwei Provider bedeuten nicht automatisch Portabilität, wenn:
- jede Anwendung unterschiedliche proprietäre Services nutzt;
- Datenmodelle auseinanderlaufen;
- Identitäten getrennt gepflegt werden;
- nur eine Seite produktiv getestet wird;
- Kosten und Betriebswissen fragmentieren;
- failover lediglich auf Folien existiert.
Echte Portabilität zeigt sich in reproduzierbaren Artefakten und getesteten Übergängen, nicht in der Zahl der Cloudverträge.
7. 180-Tage-Exit-Programm
Tage 0–30: Scope und Beweisführung
- Sponsor und Exit Owner benennen;
- kritische Services nach Umsatz-, Regulierungs- und Betriebswirkung priorisieren;
- Daten, Schemas, Identitäten, Secrets und Netzwerkpfade inventarisieren;
- Verträge, Renewal Dates und Exit-Programme erfassen;
- erste Exportartefakte ziehen und hash-basiert dokumentieren;
- Ziel-RTO, RPO und maximalen Parallelbetrieb festlegen.
Gate 1: Für jeden Tier-1-Service existieren Owner, Datenklasse, Exportweg und Zielhypothese.
Tage 31–60: Export und Rehydration
- vollständige Exporte in isolierter Umgebung erzeugen;
- Metadaten, Attachments, Auditdaten und Relationen prüfen;
- Zielsystem aufbauen;
- Mapping- und Transformationsregeln versionieren;
- Restore beziehungsweise Import ausführen;
- Mengen, Checksums und fachliche Stichproben vergleichen.
Gate 2: Mindestens ein repräsentativer Zustand wurde außerhalb des Quellsystems wiederhergestellt.
Tage 61–90: Funktions- und Sicherheitsparität
- IAM, Rollen und Least Privilege implementieren;
- Secrets rotieren;
- Integrationen und Eventpfade testen;
- Monitoring, Alerting, Backup und Incident Runbooks aktivieren;
- Performance-, Last- und Failure-Tests durchführen;
- offene Paritätslücken priorisieren.
Gate 3: Zielsystem erfüllt definierte Minimal-SLOs und Security Controls.
Tage 91–120: Parallelbetrieb
- Change Data Capture oder kontrollierte Synchronisation aktivieren;
- fachliche Reconciliation automatisieren;
- Nutzergruppen oder Traffic schrittweise verlagern;
- Kosten beider Umgebungen täglich beobachten;
- Rollback-Bedingungen und Entscheidungsrechte testen.
Gate 4: Abweichungen sind messbar, erklärbar und innerhalb des Fehlerbudgets.
Tage 121–150: Cutover
- Change Freeze oder definierte Write-Ownership setzen;
- finalen Delta-Transfer durchführen;
- DNS, Routing, Queues und Integrationen umstellen;
- Business Acceptance einholen;
- alten Service read-only setzen, sofern möglich;
- Hypercare und Executive Reporting aktivieren.
Gate 5: Produktiver Betrieb ist unabhängig; Rollback bleibt zeitlich begrenzt verfügbar.
Tage 151–180: Closure
- letzte Daten- und Finanzreconciliation;
- Exportartefakte und Evidence Vault sichern;
- Konten, Schlüssel, Peering und Supportverträge abbauen;
- Lösch- und Beendigungsnachweise einholen;
- Lessons Learned, Ist-Kosten und Restabhängigkeiten dokumentieren;
- nächsten Exit Drill terminieren.
Gate 6: Keine unbeabsichtigte produktive Abhängigkeit und keine ungeklärte Restdatenklasse verbleiben.
8. Exit Readiness Scorecard für Kunden
| Dimension | Gewicht | 0 Punkte | volle Punktzahl |
|---|---|---|---|
| Inventar und Ownership | 10 | unbekannte Services/Owner | vollständiges, aktuelles Inventar |
| Datenexport | 15 | kein getesteter Voll-Export | automatisiert, vollständig, verifiziert |
| Rehydration | 15 | Export nie importiert | wiederholbarer Restore im Ziel |
| Logik und Konfiguration | 10 | nur GUI/implizit | versioniert und portabel dokumentiert |
| IAM und Secrets | 10 | providergebunden, ungeklärt | Zielrollen und Rotation getestet |
| Netzwerk und Integrationen | 10 | keine Dependency Map | reproduzierbare Pfade und Cutover |
| Observability und Betrieb | 10 | Monitoring endet am Provider | SLOs, Alerts, Backups und Runbooks im Ziel |
| Vertrag und Gebühren | 10 | Renewal/Exit unbekannt | Fristen, Waiver, Support und Budget bestätigt |
| Drill und Evidence | 10 | kein Test | aktueller Drill mit Findings-Closure |
Die Scorecard ist eine interne Steuerungshilfe, kein Rechts- oder Zertifizierungsstandard. Eine hohe Punktzahl hat nur Wert, wenn Belege hinterlegt sind.
9. Beschaffungsanforderungen für Neuverträge
Mindestens schriftlich klären:
- vollständige Liste exportierbarer Daten- und Metadatenklassen;
- Formate, APIs, Rate Limits und maximale Exportdauer;
- Behandlung von Logs, Auditdaten, Attachments und Backups;
- Portabilität von Policies, Functions, Workflows und Konfiguration;
- Supportpflichten während Übergangs- und Parallelbetrieb;
- Routine-Egress, Exit-Waiver und sonstige Switching Charges;
- Data-Retrieval- und Mindestaufbewahrungskosten;
- Zugriff nach Kündigung und Read-only-Frist;
- Löschzeitpunkt, Backup-Retention und Nachweis;
- technische Ansprechpartner und Eskalation;
- Möglichkeit eines jährlichen Exit Drills;
- Mitwirkung bei Sicherheits- und Reconciliation-Tests.
Ein allgemeiner Satz wie „Daten können jederzeit exportiert werden“ ist nicht ausreichend. Vertrag und technische Anlage sollten Objektklassen, Formate, Fristen und Verantwortungen benennen.
10. Visualisierungsspezifikation
Chart 1 - Provider Documentation Readiness
- Datei:
data/FDR-2026-05_cloud_switching_readiness.csv - Darstellung: horizontale Balken, 0–100;
- Untertitel: „Öffentliche Dokumentationsreife, keine Konformitätsbewertung“;
- Tooltip: acht Subscores.
Chart 2 - Routine-Egress bei 1, 10 und 100 TB
- Datei:
data/FDR-2026-05_egress_costs.csv; - separate Panels je Volumen oder logarithmische Skala;
- Null-/gebündelte Angebote mit Fußnote zu Retrieval, Operations und Mindestbedingungen;
- keine Vermischung von USD und EUR.
Chart 3 - Exit Policy Taxonomy
- Datei:
data/FDR-2026-05_exit_policy_matrix.csv; - Kategorien: metered, waiver, conditional zero, bundled;
- Anbieterlogos optional, aber textliche Bedingungen müssen zugänglich bleiben.
Chart 4 - Shutdown Notice und Recovery Window
- Datei:
data/FDR-2026-05_shutdown_events.csv; - Timeline von Ankündigung bis Service-Ende und optionaler Read-only-/Exportphase;
- Ereignistyp farblich oder per Symbol unterscheiden;
- geplante Sunsets nicht mit Sicherheitsabschaltungen aggregieren.
Chart 5 - Sieben Exit-Schichten
- Architekturdiagramm;
- je Schicht Artefakt, Owner und Testnachweis;
- keine dekorative Cloudgrafik ohne Informationsgehalt.
11. Reproduzierbarkeit
Dateien
data/FDR-2026-05_cloud_switching_readiness.csvdata/FDR-2026-05_egress_costs.csvdata/FDR-2026-05_exit_policy_matrix.csvdata/FDR-2026-05_shutdown_events.csv
Rechenregeln
- Dezimale TB und providerseitige GB/GiB/TiB-Grenzen nicht stillschweigend vermischen.
- Währung und Referenzkurs mit Datum ausweisen.
- Freimengen vor Staffeln anwenden.
- Requests, Retrieval, Storage, Support, Taxes und Engineering separat halten.
- Routine-Egress nicht durch ein Vollausstiegsprogramm ersetzen.
- Documentation Scores nur neu berechnen, wenn Quellen und Rubrik archiviert sind.
- Shutdown-Notice als Kalendertage zwischen dokumentiertem Announcement und Enddatum berechnen.
- unbekannte Werte als
not documented, nicht als Null behandeln.
12. Grenzen
- Öffentliche Dokumentation kann hinter internen Anbieterprozessen zurückbleiben.
- Enterprise-Verträge können bessere oder schlechtere Bedingungen enthalten.
- Der Documentation Score misst Auffindbarkeit und Vollständigkeit, nicht Rechtskonformität.
- Egresspreise sind region-, service-, destination- und volumenabhängig.
- Wechselprogramme können Eligibility- und Closure-Bedingungen enthalten.
- Die betrachteten Shutdown-Fälle sind eine kuratierte Stichprobe, keine Grundgesamtheit.
- Ein erfolgreicher Export beweist keine funktionale Wiederherstellung.
- Der Report bewertet keine Cloud-Security, Performance oder Gesamtproduktqualität.
- Rechtliche Einordnung kann sich durch Guidance, Rechtsprechung und Vertragsgestaltung konkretisieren.
- Alle volatilen Preise und Programme müssen vor Live-Publikation erneut geprüft werden.
13. Zulässige und unzulässige Aussagen
Zulässig:
„FW Delta bewertet die öffentlich dokumentierte Switching Readiness von fünf Anbietern; der Score ist keine Konformitätsprüfung.“
Unzulässig:
„Google Cloud ist zu 95 Prozent Data-Act-konform.“
Zulässig:
„Der Data Act sieht ab 12. Januar 2027 die Abschaffung erfasster Switching Charges einschließlich entsprechender Data-Egress-Gebühren vor.“
Unzulässig:
„Ab 2027 ist jeder Cloud-Datentransfer kostenlos.“
Zulässig:
„Routine-Egress und vollständiger Exit folgen unterschiedlichen Preis- und Prozessregeln.“
Unzulässig:
„Ein Zero-Egress-Anbieter verursacht keine Exit-Kosten.“
14. Versionshistorie
- 1.0 · Juli 2026 · Data-Act-Dokumentationsscore, Egresskosten, Exit-Programme, Shutdown-Fälle und 180-Tage-Betriebsmodell konsolidiert.
- Live-Version offen · Recht, Preise, Programme und Anbieterunterlagen vor Veröffentlichung erneut prüfen.
15. Quellen
- Verordnung (EU) 2023/2854, Data Act, https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2023/2854/oj/eng.
- Europäische Kommission, „Data Act explained“, https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/factpages/data-act-explained, abgerufen im Juli 2026.
- Europäische Kommission, „Frequently Asked Questions – Data Act“, https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/faqs/data-act-questions-and-answers, abgerufen im Juli 2026.
- Google Cloud, „EU Data Act – Google Cloud Mapping“, https://cloud.google.com/security/compliance/eudataact, abgerufen im Juli 2026.
- Google Cloud, „Data Portability“, https://cloud.google.com/terms/data-portability, abgerufen im Juli 2026.
- Google Cloud Blog, „Eliminating data transfer fees when migrating off Google Cloud“, https://cloud.google.com/blog/products/networking/eliminating-data-transfer-fees-when-migrating-off-google-cloud, abgerufen im Juli 2026.
- Microsoft Learn, „Exporting Customer Data and Enabling Cloud Choice“, https://learn.microsoft.com/en-us/compliance/assurance/assurance-exporting-customer-data, abgerufen im Juli 2026.
- Microsoft Azure, „Bandwidth pricing“, https://azure.microsoft.com/en-us/pricing/details/bandwidth/, abgerufen im Juli 2026.
- Microsoft Learn, „Data transfer fees – EU Data Act“, https://learn.microsoft.com/en-us/azure/cost-management-billing/manage/data-transfer-fees, abgerufen im Juli 2026.
- AWS News Blog, „Free data transfer out to internet when moving out of AWS“, https://aws.amazon.com/blogs/aws/free-data-transfer-out-to-internet-when-moving-out-of-aws/, aktualisiert 30.09.2025, abgerufen im Juli 2026.
- AWS, „Data transfer“, https://aws.amazon.com/ec2/pricing/on-demand/#Data_Transfer, abgerufen im Juli 2026.
- AWS, „Service Terms“, https://aws.amazon.com/service-terms/, abgerufen im Juli 2026.
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Disclosure und Haftungsausschluss
FW Delta entwickelt und betreibt eigene Infrastruktur, Automatisierung und Migrationsarchitekturen und kann wirtschaftlich von entsprechenden Projekten profitieren. Deshalb werden öffentliche Beobachtungen, Berechnungen, Szenarien und Empfehlungen getrennt gekennzeichnet.
Dieser Report ist keine Rechts-, Steuer- oder Vertragsberatung. Für einen konkreten Wechsel sind Anwendungsbereich des Data Act, Vertrag, Datenklassen, Sicherheitsanforderungen und tatsächliche Anbieterbedingungen individuell zu prüfen.
Begleitdaten
Die Datensätze gehören zum Report. Sie enthalten die Werte, auf denen Scores, Berechnungen und Tabellen beruhen, und lassen sich unabhängig nachrechnen.
- FDR-2026-05_cloud_switching_readiness.csv
Acht Data-Act-nahe Dokumentationsdimensionen für fünf Cloudanbieter.
5 Zeilen 10 Spalten SHA-256 2963c37b869b0ce61b8ae43375231a5957446646f710b9bcef367bccf5aa1147
- FDR-2026-05_egress_costs.csv
Öffentliche Routine-Egress-Szenarien mit Einheiten, Kursen, Quellen und Ausschlüssen.
9 Zeilen 18 Spalten SHA-256 a77c7debb37ab29923ce7da8f4c0933e621db4041a0f34f43518a477866afc7a
- FDR-2026-05_exit_policy_matrix.csv
Taxonomie von Routine-Egress, Vollausstiegsprogrammen und Zero-/Bundled-Egress-Regeln.
8 Zeilen 10 Spalten SHA-256 b2521e3c81fb69926db65b632f17c6078e073933ea28845dfedae31f4c039bd8
- FDR-2026-05_shutdown_events.csv
Zehn öffentliche Shutdown-/Sunset-Fälle mit Notice-, Export- und Recovery-Feldern.
10 Zeilen 14 Spalten SHA-256 ebdf0b00cd3318ae94460e51a68b79f7d7b0ad8cca2365f0e83ed2c0d90c1659
Lizenz: Alle Rechte vorbehalten. Eine offene Lizenz für die Begleitdaten ist noch nicht entschieden. Quellenangabe bei jeder Verwendung: FW Delta Research, EU Cloud Switching & Exit Readiness Report 2026, FDR-2026-05, Version 1.0, Datenstand Juli 2026, https://fwdelta.com/de/research/eu-cloud-switching-exit-readiness-report-2026
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FW Delta bietet Dienstleistungen für eigene Software und selbst kontrollierte Infrastruktur an. Diese Position kann die Auswahl von Forschungsfragen und die Interpretation beeinflussen. Die Methodik, Stichprobe, Berechnungen und Quellen dieses Reports werden veröffentlicht, damit die Ergebnisse unabhängig geprüft werden können. Ein hoher oder niedriger Score stellt keine Kaufempfehlung dar.
Ein Dokumentations-Score misst, wie gut ein externer Prüfer die definierten Signale in der öffentlichen Dokumentation nachvollziehen konnte. Er ist keine Compliance-, Sicherheits- oder Qualitätsaussage. Fehlende Information heißt in diesem Report: nicht dokumentiert. Sie heißt nicht: nicht vorhanden.
Version und Korrekturen
- Version 1.0 Erstveröffentlicht am
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